eine imaginÀre Reise
Stell dir vor, du erwachst und alles ist anders. Du weisst wer du bist aber nicht wo du bist. Du kennst niemanden und niemand kennt dich. Du hast keine Ressourcen, keine Aufgaben, keine Bekannte. Du bist einfach «nur» du. Und du stellst dir die Frage:
Wer bin ich?
Die Frage hallt, sie ist laut und fordernd. Wer bin ich, wenn all das, was mich bisher ausgemacht hat, plötzlich wegfĂ€llt? Wer bin ich in einer Gesellschaft, die mich vor allem durch das definiert, was ich tue oder vielmehr durch das, was ich leiste? Ohne Job, ohne Titel, ohne klare Aufgabe bin ich plötzlich nicht mehr der Mensch, den ich dachte, zu sein. Mein Kalender, einst gefĂŒllt mit Terminen und To-dos, ist leer. Die Struktur, die mein Alltag mir bot, ist verschwunden. ZurĂŒck bleibt eine Leere, die schwer zu fĂŒllen ist.
In dieser Leere erkenne ich, wie viel von meinem Selbstbild an Ă€usseren Faktoren hĂ€ngt. Das Ansehen, das ich genoss, die SelbstverstĂ€ndlichkeit, mit der ich Respekt erfuhr, sie scheinen mit dem Verlust meines bekannten Umfeldes ebenfalls verschwunden zu sein. Es fĂŒhlt sich an, als sei ich unsichtbar geworden, als hĂ€tte ich meinen Platz in der Welt verloren.
Die Gesellschaft, in der ich lebe, ist eine Leistungswelt. Sie misst den Wert eines Menschen an dem, was er erreicht, produziert, beitrĂ€gt. Stillstand wird nicht akzeptiert, Zweifel oder SchwĂ€che erst recht nicht. Wer nicht mithalten kann, wer aus dem Raster fĂ€llt, wird schnell abgehĂ€ngt. Das weiss ich â und ich spĂŒre es am eigenen Leib.
Was bleibt von mir ĂŒbrig, wenn das alles wegbricht?
Es ist nicht nur die Ă€ussere Perspektive, die sich verĂ€ndert hat. Auch ich selbst betrachte mich mit anderen Augen. Plötzlich scheine ich mir weniger wert zu sein. Ohne bekanntes Umfeld, ohne definierte Aufgaben meines Jobs, ohne klare Perspektiven fĂŒr die Zukunft, fĂŒhle ich mich wie ein Boot ohne Anker. Treibend auf einem Meer aus Unsicherheiten.
Die Hilflosigkeit ist ein lĂ€hmendes GefĂŒhl. Ich stehe morgens auf und frage mich: âWas nun?â Die Stunden ziehen sich, die Tage fĂŒhlen sich bedeutungslos an. Die Routine, die mir einst Halt gab, existiert nicht mehr. Ich habe Zeit â viel Zeit â aber keinen Plan, was ich mit ihr anfangen soll.
Und doch, inmitten dieser Dunkelheit, in dieser scheinbaren Ausweglosigkeit, regt sich etwas. Ein leiser Gedanke, ein schwacher Funken: Vielleicht ist dies die Chance, mich selbst neu zu entdecken.
Denn wer bin ich wirklich?
Bin ich nur meine Arbeit? Bin ich nur das, was andere von mir erwarten? Oder bin ich mehr? Welche Rolle habe ich mir selbst auferlegt? Welche Rollen wurden mir auferlegt? Diese Fragen fĂŒhren mich auf eine Reise nach innen. Die Stille sie ist so laut – schier unertrĂ€glich. Die Stimme des Selbstzweifels schreit: «Du hast versagt! Du bist wertlos fĂŒr die Gesellschaft!».
Aber je lÀnger ich innehalte, desto klarer wird mir: «Mein Wert als Mensch hÀngt nicht von meiner Leistung ab.»
Es ist Zeit, mich neu zu definieren. Es ist Zeit, herauszufinden, wer ich bin, wenn ich nicht mehr der bin, der ich war.
Ich beginne damit, kleine Dinge zu hinterfragen. Was macht mich wirklich aus? Welche Werte trage ich in mir? Was bedeutet mir Freude, was schenkt mir Frieden? Ich erkenne, dass es in dieser Gesellschaft Mut erfordert, sich nicht ĂŒber Leistung zu definieren. Mut, sich dem Strom zu widersetzen und zu sagen: «Ich bin wertvoll, weil ich bin â nicht weil ich tue!»
Dieser Gedanke ist befreiend und herausfordernd zugleich. Es bedeutet, mich mit meinen Ăngsten und Unsicherheiten auseinanderzusetzen. Es bedeutet, meine Perspektive zu Ă€ndern und meine innere Stimme zu schulen, die so lange mit dem Urteil der Aussenwelt verbunden war.
PositivitÀt gewinnt an Bedeutung. Nicht die naive Art von Optimismus, die alles schönredet, sondern eine bewusste Entscheidung, die Chancen in der Krise zu sehen.
PositivitĂ€t bedeutet, sich selbst zuzugestehen, dass VerĂ€nderung schwer ist â aber auch, dass sie möglich ist. Es bedeutet, kleine Schritte zu machen, anstatt sich von der Grösse des Ganzen einschĂŒchtern zu lassen.
Ich finde Trost in der Idee, dass jeder Mensch mehr ist als die Summe seiner Taten. Dass unsere IdentitÀt nicht allein von der Rolle abhÀngt, die wir in der Gesellschaft spielen. Es ist ein langsamer Prozess.
Vielleicht ist dies die Gelegenheit, mich selbst zu fragen: «Was will ICH?» Nicht, was andere von mir erwarten. Nicht, was ich denke, tun zu mĂŒssen. Sondern: «Was erfĂŒllt mich?»
In mir wachsen neue Gedanken, neue TrĂ€ume. Vielleicht war das Hamsterrad, in dem ich gefangen war, niemals der richtige Ort fĂŒr mich. Vielleicht gibt es einen anderen Weg, einen, der authentischer ist, der nĂ€her an meinen Werten und meinem Wesen liegt.
Es gibt Momente, in denen ich mich immer noch verloren fĂŒhle, in denen die Leere ĂŒbermĂ€chtig erscheint. Aber es gibt auch Momente der Klarheit, in denen ich spĂŒre, dass ich auf dem Weg bin, etwas Neues zu schaffen. Etwas, das nicht auf Ă€usseren Erwartungen basiert, sondern auf meinem innersten Kern.
Wer bin ich, wenn ich nicht mehr bin, der ich war?
Ich bin ein Mensch in VerÀnderung. Ein Mensch, der sich neu definiert, der lernt, seinen eigenen Wert unabhÀngig von Leistung und Anerkennung zu erkennen. Ein Mensch, der sich der Herausforderung stellt, in einer Welt der stÀndigen Bewertung zu bestehen, ohne sich selbst zu verlieren.
Vielleicht ist genau das der Anfang von etwas Grösserem â nicht im Sinne von Erfolg oder Ruhm, sondern im Sinne von Echtheit, Ehrlichkeit und wahrer ErfĂŒllung.
Und das ist, was am Ende des Tages, wirklich zÀhlt.